
Selten war ich nach dem Besuch einer Diskussionsveranstaltung emotional so berührt wie am heutigen Abend. Dr. Verena Krausneker und Mag. Katharina Schalber von der Universität Wien präsentierten ihr Forschungsprojekt “Gehörlose Österreicherinnen und Österreicher im Nationalsozialismus”, bei dem sie eineinhalb Jahre lang 24 ZeitzeugInnen interviewten, in den Archiven recherchierten und die Ergebnisse auf einer dreieinhalbstündigen DVD festhielten.
Wenn Verena Krausnecker erzählt, dass von ca. 120 gehörlosen Juden in Wien nur 16 mit Sicherheit überlebt haben. Wenn Helene Jarmer, die Mutter der gleichnamigen Nationalratsabgeordneten, berichtet, wie sie nur aufgrund eines zufälligen Bombeneinschlags der Zwangssterilisation entging oder wie andere Kinder der Gehörlosenschule auf “Erholung” geschickt wurden und nicht mehr zurückgekommen sind. Wenn Lukas Huber vom Österreichischen Gehörlosenbund schildert wie er in der Schule nichts über die Gräueltaten der Nazis an Gehörlosen erfahren konnte. Wenn sich ein Zeitzeuge aus dem Publikum erhebt und berichtet, dass er beinahe zwangssterilisiert wurde und heute glücklicher Vater zweier Kinder bzw. Großvater dreier Enkelkinder ist. Oder wenn ein weiterer Zeitzeuge anmerkt wie viele gehörlose Menschen in dieser Zeit plötzlich verschwunden sind.
Dann wird einmal mehr klar, welche Verantwortung unsere Generation trägt, vor diesen traurigen Geschehnissen nicht die Augen zu verschließen, gerade wenn es wie in diesem Fall eine Minderheit betrifft, deren Schicksal bislang wenig beachtet wurde aber dafür oft umso schrecklicher war. Vielmehr müssen wir noch verantwortungsvoller dieses Wissen unseren Mitmenschen bewusst machen und es unseren Kindern und Kindeskindern vermitteln. Denn viele von ihnen werden nicht mehr die Möglichkeit haben, die grauenvollen Taten der Nazizeit von ZeitzeugInnen in der eigenen Familie oder Nachbarschaft berichtet zu bekommen.
Umso größere Anerkennung und Bewunderung gilt daher den beiden Forscherinnen, die in mühevollster Arbeit gemeinsam mit UnterstützerInnen und ZeitzeugInnen eine Dokumentation von beachtlichem Umfang und immenser Bedeutung geschaffen haben! Eines ist klar: Dieses dokumentierte Wissen muss den Weg an die österreichischen Schulen finden, damit Gehörlosigkeit dort nicht länger als Thema ignoriert wird sondern in dieser traurigen, aber auch in vielen anderen positiven Facetten den SchülerInnen nähergebracht wird. Und der ORF könnte sich auch gleich noch seines öffentlich-rechtlichen Auftrags bewusst werden und diesen wichtigen Teil österreichischer Gehörlosengeschichte im Fernsehen zeigen.
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Hallo in Wien!
Vielen Dank für den Bericht über die Leidensgeschichte Gehörloser in Österreich während der Nazizeit.
Ich bin schon immer interessiert an allem,was mit Geschichte zu tun hat.
Aber mir war noch nicht so klar,dass während der Nazizeit auch in anderen europäischen Ländern Behinderte leiden mussten,weil
davon zu wenig berichtet wird.
Darum sage ich DANKE für Euren Bericht.
In Berlin gibt es sogar einen Verein,der über Gehörlosengeschichte forscht.Vielleicht wäre es eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit ?
Und in Frankfurt /Main
wurde gerade von Lothar Scharf ein Gehörlosenmuseum eröffnet.(Siehe auch Site “Taubenschlag.de”)
Freundliche Grüsse
Dorothea Isserstedt