
Viel wurde in den letzten Tagen über den innerparteilichen Konflikt der Grünen im Zuge der politischen Demontage von Johannes Voggenhuber gebloggt (siehe unter anderem Christoph Chorherr, Laurenz Ennser, Wissen belastet, Rigardi.org oder ZurPolitik.com bzw. den Metabeitrag auf Feuerhaken). Fast schon zu viel als dass ich darauf eingehen möchte, vielmehr möchte ich an eine Diskussion anschließen, die aus einem Beitrag zur vermeintlichen grünen Visionslosigkeit im Ökoenergie-Blog entstand. Ebendort wurden in diesem Zusammenhang die Fragen gestellt, warum hierzulande immer wieder über Personen anstatt über die besten Ideen diskutiert wird, warum es hierzulande keine visionären Ziele in der Ökologie gibt und warum eine breit angelegte Diskussion über den Weg zu einem energieautarken Österreich fehlt.
Meine Entgegnung lautete, dass ich eine nationale Energieautarkie weder für möglich noch für sinnvoll halte, vielmehr würde neben der notwendigen Forcierung der erneuerbaren Energien, Steigerung der Energieeffizienz und Senkung des Energieverbrauchs ein visionäres Ziel beispielsweise in der Stromgewinnung aus riesigen Solaranlagen im klimatisch dafür begünstigten Nordafrika bestehen. Ein solches Ziel hätte nicht nur eine positive klima- und energiepolitische Komponente, sondern birgt auch entwicklungspolitische Chancen in sich: zum einen wäre dies im Gegensatz zur nationalen Energieautarkie Österreichs zwingenderweise ein europäisches Projekt, zum anderen kann es im Falle einer notwendigen fairen und gerechten partnerschaftlichen Gestaltung die politische und gesellschaftliche Stabilität in Nordafrika fördern. Und denkt man ein paar Ecken weiter, so könnte dies auch Teil einer ganzheitlichen Strategie einer menschlichen, chancenreichen und fairen Begegnung der Herausforderung von Wirtschafts- und bald auch in zunehmendem Maße Klimaflüchtlingen an Europas Grenzen sein.
Rein technisch wären sowohl die Energiegewinnung aus der Wüstensonne als auch der Stromtransport über tausende Kilometer laut einem kürzlich in der ZEIT erschienen Artikel kein Problem. Das Potenzial ist jedenfalls enorm, wie auch ein Beitrag auf Worldchanging.org zusammenfasste: weniger als ein Prozent der weltweit vorhandenen Wüstenfläche würde ausreichen um den kompletten globalen Elektrizitätsbedarf zu decken, für 90 Prozent der Weltbevölkerung würde dieses Konzept aufgrund ausreichender Nähe zu einer Wüste eine mögliche Energiequelle darstellen. Gemeinsam mit weiteren erneuerbaren Energiequellen ließe sich beispielsweise für Europa ein beeindruckendes grünes “Supergrid” aus Solar, Wind, Photovoltaik, Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme umsetzen.
Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise (Stichwort: Green Jobs) und nur wenige Wochen nach der angespannten Lage bei der Energieversorgung Europas im Zuge des Gaskonflikts zwischen Russland und der Ukraine wäre es also wichtig, solche langfristigen energie-, klima- und entwicklungspolitischen Chancen nicht nur nicht aus den Augen zu verlieren, sondern diese von den agierenden politischen Akteuren auch öffentlich kommuniziert zu bekommen. Vielmehr wäre es erst recht an der Zeit die einzelnen Initiativen von Spanien bis zum Iran auf ein gemeinsames Fundament zu stellen und ein klares politisches Bekenntnis Europas bzw. der Welt an eine solche zukunftsfähigen energiepolitische Vision abzulegen!
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Interessanter Nachtrag aus einem heutigen Artikel im Green Inc. Blog der New York Times, was wieder einmal unterstreicht dass man sich leider oft medial ein Stück von Europa wegbewegen muss um Interessantes über Europa zu erfahren (zumindest scheint die Nachricht noch nicht zu den heimischen Medien vorgedrungen zu sein): Im Zuge der Sustainable Energy Week der EU-Kommission ging es heute um exakt das Thema der Energy Hubs in Nordafrika zur Energieversorgung Europas. Laut einem EU-Offiziellen gäbe es diesbezüglich das Ziel “to launch dozens of projects creating up to 1 gigawatt of power in the region over the next two years and then to roll out another 19 gigawatts of power over the next 19 years”. Im Zuge der Veranstaltung äußerte sich auch die österreichische EU-Kommissärin Benita Ferrero-Waldner in einer Rede zum Thema und betonte, dass die Energieversorgung Europas ein Thema sei “that needs a European, rather than national, response”. Ferrero-Waldner ging in ihrer Rede sowohl auf die Vorteile der Solarenergie an sich als auch auf die positiven wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Effekte eines solchen Großprojekts ein und freute sich über das Committment der neuen US-Regierung zur Forschung im Bereich Green Energy.
NYT-Blogartikel: http://greeninc.blogs.nytimes.com/2009/02/13/solar-power-and-geopolitics-in-the-mediterranean/
Ferrero-Waldner-Rede: http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=SPEECH/09/60&format=HTML&aged=0&language=EN&guiLanguage=en
Solar: Dieses Thema zeigt auch, wie wichtig es ist, über die eigenen Grenzen hinauszuschauen und das Potential institutionellen Handelns zu begreifen.
Das sollten sich gerade all die EU-kritischen Linken + Grüne einmal ins Gedächtnis rufen, die in der EU eine Verschwörung kapitalistischer Abzocker orten und dieser jegliches normatives Handeln absprechen wollen.
Denn wie immer stellt sich die Frage, was die Alternative zu einem geschlossenen Vorgehen innerhalb fixer Regelungen, die sicher nicht jedem schmecken, wäre.
Natürlich wäre es auch unter besonderer finanzieller Kraftanstrengung möglich, auf eigene Faust Solarenergie großflächig im eigenen Land zu verbreiten. Die Ressource (Sonne) ist ebenso im Überfluss vorhanden wie die nötigen Flächen (zb.: Häuserdächer)
Doch laut meinem schlauen Büchlein “Erneuerbare Energien” von Hennicke/Fischedick würden Solarzellen erst im Jahre 2022 für die große Masse an Privathaushalten rentabler als herkömmliche Gewinnungsformen sein, wobei ein steigender Ölpreis + anhaltende Förderungen bereits eingerechet sind. Bis dahin können wir aber leider nicht mehr warten.
Das Energiethema zeigt auch, wie effizient Synergien mit anderen Politikbereichen in einem institutionellen Rahmen hergestellt und genutzt werden könnten, wie du es auch am Beispiel Entwicklungspolitik richtig darstellst.
Meiner Meinung nach sollte Österreich die Energiekrise als Chance begreifen und alles daran setzen, auf den sich nun langsam in Bewegung setzenden Zug aufzuspringen.
Hier bin ich besonders enttäuscht von den Grünen, die sich durch die aufkeimende Energiekrise eigentlich profilieren könnten, ja das Thema gar an sich reissen müssten, um die anderen Parteien vor sich herzutreiben.
Und was heißt da “EU-kritischer Kurs”? Die EU auf ihre Demokratiekrise zu beschränken, ist derzeit etwas Fehl am Platz.
Ich gehe sogar in die Gegenoffensive: Wieviel Demokratie ertragen globale Krisen? Wieviel Demokratie ertragen generell Entscheidungen der politischen Meta-Ebene? Was ist so falsch daran, dass Institutionen nicht immer demokratisch handeln? Handelt Greenpeace/Attac demokratisch, wurden dessen VertreterInnen jemals gewählt?
Subsidarität jawoll! , aber in wichtigen Kernthemen, die über unsere Existenz entscheiden können, ist alles, was sich in Richtung Provinzialität und politische Kleinkrämerei bewegt, ein Schuss in den Ofen.