audimax

Nach 61 Tagen Besetzung wurde mit dem Audimax der Universität Wien das Epizentrum des größten österreichischen Studierendenprotests heute früh polizeilich geräumt. Was sich als #unibrennt bzw. #unsereuni von Wien ausgehend einem bildungspolitischen Flächenbrand gleich über ganz Europa ausbreitete, ist damit jedoch keineswegs beendet!

Denn solange die eine Regierungspartei engagierte Studierende öffentlich bedroht und diffamiert, solange die andere Regierungspartei beschämt wegschaut und solange keine von diesen auf die Forderungen der Studierenden eingeht bzw. ein ernsthaftes Dialogangebot macht, gibt es keinen Grund aufzuhören! Erst recht nicht solange sich ein nicht standhafter Rektor vor diesen feigen politischen Karren spannen lässt!

Zwei Monate lang den größten bildungs- und gesellschaftspolitischen Aufstand seit Jahren ignorieren und schlussendlich inmitten einer konstruktiven Gesprächsphase über eine Öffnung des Audimax in einem opportunen Augenblick drei Tage vor Weihnachten den Studierenden in den Rücken zu fallen und das Audimax zu räumen sowie 100 Obdachlose in die Kälte zu entlassen, zeugt nicht nur von bildungspolitischer Ignoranz sondern auch von sozialer Kälte!

Wegschauen, Ablenken und Anpatzen – das war die peinliche Reaktion der Politik auf eine Bewegung, mit der sie es aufgrund ihrer traditionellen Strukturen nicht aufnehmen konnte. Politikblogger und Audimaxist der ersten Stunde Tom Schaffer brachte dies wieder einmal auf den Punkt:

“Die junge Generation hat ihre Stärken so gnadenlos ausgespielt, dass die Politik davon überrannt und in all ihrer Erstarrtheit bloßgestellt wurde. Ein Politikwechsel und eine komplette Systemreform wurden in ihrer Dringlichkeit offensichtlich. Bis heute, zwei Monate nach dem ersten Schock der ausgebrochenen Besetzung, spricht niemand in der Politik über ein bildungspolitisches Ziel für Österreich. Da werden Nebenschauplätze eröffnet um abzulenken, da wird geschwiegen und gnadenlos gelogen um die #unibrennt-Bewegung anzupatzen. Aber wohin Österreich in der Bildung oder gar als Gesellschaft will? No comment!”

Dabei könnten die heimischen PolitikerInnen gerade in Punkto Organisation, Kreativität, Kommunikation sowie bildungs- und gesellschaftspolitische Ideale vieles von dieser Bewegung lernen, doch diese Hoffnung werden uns die momentan politisch Verantwortlichen nicht erfüllen. Im Gegensatz dazu bleibt zu hoffen, dass sich die Studierenden kein Beispiel an der heimischen Politik nehmen, denn mit feigem Aussitzen, bewusster Dialogverweigerung und öffentlicher Denunzierung werden wir heutzutage keine politische Herausforderung mehr bewältigen!

Nach zahlreichen Besuchen im Audimax in den vergangenen Wochen bin ich optimistisch, dass letztgenannte Befürchtung jeglicher Grundlage entbehrt. Vielmehr wurde durch die Studierendenproteste eine Generation politisiert, konnte ihr Wissen und ihre Fähigkeiten von neuen Kommunikationsmedien über die Bologna-Struktur bis hin zu Antisexismus wohl besser als in jeder Lehrveranstaltung erweitern und hat mit diesem einzigartigen Protest jegliche Nörgler über die “konforme, unpolitische und egoistische Jugend” Lügen gestraft!

Unsere Generation wird noch viel bewegen, dessen kann man sich nach den vergangenen zwei Monaten sicher sein! Ebenso klar wurde leider auch, dass die momentan politisch Verantwortlichen nur zum Verwalten anstatt zum Gestalten taugen und daher ein politischer Richtungs- und Generationswechsel für dieses Land dringender denn je ist! Wahrscheinlich werden wir nur so die heimische Bildungsmisere vom Kindergarten bis zur Universität endlich bewältigen können!

Was ich am Wochenende in Bezug auf den Klimaschutz geschrieben habe, trifft für die heimische Bildungspolitik mindestens genauso stark zu: Das aktuelle Jahrzehnt wird uns hier in wenigen Tagen eine große Altlast mit ins neue Jahrzehnt geben, für deren Behebung wir uns weiter massiv einsetzen müssen und wofür wir Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten einfordern müssen!

In diesem Sinne wird die Bewegung weitergehen, dessen bin ich mir – nicht zuletzt aufgrund der ersten Reaktionen im Plenum gerade im vollen Hörsaal C1 – sicher!

Discussion - One Comment
  1. brigitte

    Dez 22, 2009  at 21:33

    du sagst es!! es ist in österreich nicht einfach, nicht zu resignieren… aber grund genug, dranzubleiben!

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