
Vergangenen Freitag und Samstag besuchte ich in Wien gemeinsam mit rd. 800 weiteren Menschen den Kongress für Solidarische Ökonomie, der ein breites Spektrum an Besuchern, Vortragenden und insbesondere Themen bot, von denen ich fünf Vorträge zu den Themen Grundeinkommen, Finanzkrise/Währungen, Gender und Solidarische Ökonomie besuchte. Im ersten von zwei rückblickenden Beiträgen möchte ich auf zwei Vorträge zum Thema Solidarische Ökonomie eingehen.
Vortrag “Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus”
Dagmar Embshoff (Bewegungsakademie) gab in ihrem Vortrag einen Überblick über die Prinzipien, Chancen und Grenzen der Solidarischen Ökonomie, die durch die Verbindung von Solidarität und Ökonomie mehr Demokratie in die Ökonomie bringen will. Laut Definition von RIPESS bezeichnet die Solidarische Ökonomie “Formen des Wirtschaftens, die menschliche Bedürfnisse auf Basis freiwilliger Kooperation, Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe befriedigen”. Dabei weist sie Ähnlichkeiten zur Alternativen Ökonomie der 70er/80er-Jahre auf, für die Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Empowerment sozial Benachteiligter, Ökologie, Kultur, internationale Solidarität und die Nützlichkeit der hergestellten Produkte wesentliche Grundprinzipien darstellten.
Ein Beispiel für eine Form Solidarischer Ökonomie stellen Genossenschaften dar, die auf vier Prinzipien aufbauen: dem Demokratieprinzip, dem Förderprinzip, dem Identitätsprinzip und dem Solidarprinzip. Diese und andere Formen der Solidarischen Ökonomie sind aktuell vor allem in Lateinamerika und Südeuropa anzutreffen und eignen sich grundsätzlich für unterschiedliche Bereiche wie Lebensmittel, Konsum, Wasser, Wohnen, Alternative Energien, etc.
Embshoff zeigt drei wesentliche Chancen der Solidarischen Ökonomie: Eine ökonomische Chance besteht in der Herstellung sinnvoller Produkte, der Verbesserung der Lebensbedingungen oder der Förderung von Innovationen. Eine politische Chance ergibt sich für zahlreiche Menschen in der verminderten Spaltung zwischen ihren politischen Ideen und dem eigenen Lebensalltag, daneben kann das Aufzeigen eines anderen Weges als Grundlage für die notwendige Durchsetzung sozial-ökologischer Regulierungen und Rechte betrachtet werden. Zuletzt bietet die Solidarische Ökonomie persönliche Chancen im Sinne einer Stärkung des Gefühls sozialer Verbundenheit, einer höheren Identifikation von Mitarbeitern und Konsumenten, einer erhöhten Mitbestimmung bzw. Autonomie und des Leistens eines positiven Beitrags in der Gesellschaft.
Nichtsdestotrotz stehen diesen Chancen jedoch auch Grenzen und Hindernisse gegenüber, allen voran ein oftmals gegebener Kapitalmangel, bestehende Subventionen unsolidarischer Produkte sowie eine geringere Innovations- und Wachstumsgeschwindigkeit. Soziale und gruppendynamische Probleme, eine schleichende Degeneration der eigenen Ideale (bspw. durch ein Verschließen der Gemeinschaft für neue Mitglieder) oder eine Überforderung an den Arbeiten bzw. den eigenen ethischen Ansprächen stellen darüber hinaus mögliche Probleme im persönlichen Bereich dar. Als wesentliche Erfolgsfaktoren zur Überwindung dieser Hindernisse werden Partizipation, Demokratie, Transparenz, Kommunikation, klare Regelungen, gemeinsame Werte und vor allem eine ökonomisch tragfähige Projektidee und unternehmerische Fähigkeiten gesehen. Solidarische Ökonomie muss nicht als Alternative zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem betrachtet werden sondern kann auch als komplementäre Form des Wirtschaftens angesehen werden, für eine erfolgreiche Umsetzung braucht sie jedoch in jedem Fall unterstützende politische Rahmenbedingungen und weitreichende Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen wie beispielsweise der Bildungs- und Medienstrukturen.
Vortrag “Demokratische Organisationsstrukturen und ihr Einfluss auf die Lebenswelt: Die Mondragón Kooperative”
Wie das Konzept der Solidarischen Ökonomie in Europa umgesetzt werden kann, wurde von Astrid Hafner am Beispiel der baskischen Mondragón Kooperative in Nordspanien gezeigt. Vor rd. 50 Jahren gegründet, ist die Kooperative heute mit mehr als 100.000 Mitarbeitern die weltgrößte Industriekooperative und hat durch die Errichtung zahlreicher dazugehöriger Institutionen (Bildung, Soziales, etc.) auch politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit für ihre Genossenschafter geschaffen. Bildung wurde dabei seit Beginn als zentrales Element für die lokale Entwicklung der Bürger angesehen und wird heute von der Kinderkrippe bis zur Universität kostengünstig angeboten. Darüber hinaus ist aufgrund einer maximalen Einkommensverteilung von 1:6 für alle Gehälter innerhalb der Kooperative die Region die am wenigsten ungleich verteilte Spaniens. Solidarität wird darüber hinaus durch günstige Kredite für Unternehmen in Krisensituationen sowie keine bisher erfolgten Entlassungen unter den 80% fixen Mitarbeitern (Genossenschafter) gelebt.
Zwar stellt Mondragón laut Hafner eine sehr interessante und spannende Art zu Wirtschaften dar, dennoch ist es wichtig auch darauf hinzuweisen, dass Mondragón “nicht nur heile Welt” sei. Beispielsweise kann sich eine Kooperative nicht von den äußeren wirtschaftlichen Umständen abkoppeln, weshalb man sich angesichts von Markt- und Wettbewerbszwängen in den 90er-Jahren nach intensiven Diskussionen auch zu Produktionsauslagerungen in kostengünstigere Länder entschloss. Auch in Punkto Geschlechtergerechtigkeit gibt es zwar mit rd. 40% eine hohe Rate weiblicher Genossenschafter, dennoch sind Frauen in Führungspositionen auch hier eher die Ausnahme. Summa summarum zeigt Mondragón sicherlich einige positive und interessante Ansatzpunkte der Solidarischen Ökonomie in einem funktionierenden Umfeld auf, jedoch ist es ungewiss inwieweit ein solches Konzept aufgrund der besonderen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Projekts auch in anderen Regionen umgesetzt werden kann.




























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