
Nachdem ich im ersten rückblickenden Beitrag auf den Kongress für Solidarische Ökonomie das eigentliche Thema der Solidarischen Ökonomie behandelt habe, möchte ich im zweiten rückblickenden Beitrag einige Informationen der drei weiteren besuchten Vorträgen behandeln.
Vortrag “Bedingungsloses Grundeinkommen: die Krise als Chance?”
Bevor Peter Fleissner (Transform) seine Simulationsergebnisse zum Grundeinkommen präsentierte, gab er einen besorgniserregenden Einblick in die Einkommensverteilung in Österreich. Dabei zeigte er, dass bei den Beschäftigten die Lohnquote seit Ende der 70er-Jahre sinkt während bei den Unternehmen die Investitionsquote stagniert und die Gewinnquote steigt. Aktuell leben rd. 1 Mio. Menschen in Österreich unter der Armutsgefährdungsgrenze, wobei die Einkommensungleichheit (die reichste Einkommensfünftel bezog in 2006 46,7% der Gesamteinkommen während das ärmste Einkommensfünftel nun 2,2% bezog) in den letzten Jahren kontinuierlich anstieg. Im Bereich der Vermögensverteilung ist in Österreich davon auszugehen, dass diese Ungleichheit noch stärker als im Bereich der Einkommensverteilung ausgeprägt ist.
Zum Gegensteuern gegen eine solche gesellschaftlich bedrohliche Ungerechtigkeit gibt es unterschiedlichste Umverteilungsmöglichkeiten wie beispielsweise Ökosteuer, Mindestlohn, Wertschöpfungsabgabe, Tobin Tax, negative Einkommenssteuer, Erbschafts-/Vermögenssteuer oder eben das Grundeinkommen. Mittels eines komplexen Simulationsmodells hat Fleissner dabei eine Finanzierung des Grundeinkommens über eine Wertschöpfungsabgabe (Unternehmer zahlen durch Gewinne) bzw. über eine negative Einkommenssteuer simuliert. Dabei zeigte sich, dass im ersten Fall die Wirtschaft bereits ab einem Grundeinkommen von 3.000 Euro pro Jahr schrumpfen würde und dieses somit ökonomisch nicht durchführbar ist. Hingegen zeigte sich im zweiten Fall, dass eine Finanzierung über die Einkommenssteuer ökonomisch möglich ist und ein Grundeinkommen von rd. 12.000 Euro pro Jahr zuließe.
Gerade angesichts der Wirtschaftskrise steigenden Anzahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse, der zunehmenden Form moderner Arbeitsmodelle (neue Selbstständigkeit, etc.) und der im rein auf Erwerbsarbeit ausgerichteten Gesellschaftmodell implizierten monetären Geringschätzung von Kinder- und Altenbetreuung, Freiwilligendienste, Vereinsarbeit und anderer gesellschaftlich bereichernder kultureller, ökologischer und sozialer Tätigkeiten würde eine solche ökonomisch durchführbare Grundsicherung meiner Meinung nach den Menschen soziale Sicherheit und wirtschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten geben. Eine Aufwertung bislang schlechtbezahlter Jobs, potenzielle Bürokratieeinsparungen oder eine Stärkung persönlicher Potenziale und Beziehungen stellen darüber hinaus mögliche weitere Vorteile eines Grundeinkommensmodells dar.
Vortrag “Neues Geld Neue Welt: Die drohende Wirtschaftskrise - Ursachen und Auswege”
Der Ökologe Tobias Plettenbacher (TimeSozial) zeigte in seinem Vortrag zur Wirtschaftskrise und möglichen Lösungsansätzen warum - so wie in der Natur - jedes exponenziell wachsende System, wie eben auch das gegenwärtige Wirtschaftssystem, in regelmäßigen Abständen kollabieren muss. Unser Geldsystem basiere auf Schulden, in der Wirtschaftskrise (wenn sich Unternehmen und Privatpersonen nicht verschulden wollen) muss daher der Staat Schulden machen, welche jedoch von allen bezahlt werden und somit eine kontinuierlich steigende Ungleichverteilung unterstützen, die auch dadurch bedingt ist, dass 80% der Menschen höhere Zinsbelastungen als Zinserträge haben. Die Folgen im Westen sind klar: der Mittelstand zerfällt und die Anzahl der Armutsgefährdeten sowie der Working Poor steigt.
Neben den sozialen Problemen bringt ein exponentielles Wachstum auch die gegenwärtig bekannten ökologischen Probleme mit sich. Bereits ein Wachstum von 2% p.a. bedeutet eine Verdoppelung der Wirtschaftsleistung alle 36 Jahre und somit einen dementsprechenden Anstieg der benötigten Ressourcen. Dennoch benachteiligt das aktuelle Steuersystem Arbeit im Vergleich zu Umweltzerstörung oder Finanzspekulation. Aus diesem Grund erläuterte Plettenbacher abschließend unterschiedliche Lösungsansätze im Bereich der Steuer- oder Währungssysteme wie Tobin Tax, Spahn-Steuer, umlaufgesichertes Geld (Negativzins), zinsfreie Weltwährung, Vollgeld, Alternativgeldsysteme (regionale bzw. zeit-, energie- oder ressourcenbasierte Geldsysteme) oder das Geldökologiesystem vier komplementärer Währungstypen.
Vortrag “Die Verwilderung des Patriarchats in der Globalisierungsära”
Roswitha Scholz präsentierte in ihrem Impulsreferat eine theoretische Abhandlung über ihre Wertabspaltungstheorie, einer feministisch rekonstruierten Werttheorie gemäß welcher durch ein gesellschaftliches Formprinzip eine geschlechtliche Abspaltung verschiedener Bereiche in Reproduktion, Haushalt, Betreuung, etc. (Frauen) und Öffentlichkeit, Politik, Erwerbsarbeit, etc. (Männer) geschieht. Basierend auf der Existenz eines androzentrischen gesellschaftlichen Unbewussten konstatierte Scholz diese Abspaltung samt Minderstellung der Frau als gesellschaftliches Grundmuster des patriarchalen Kapitalismus.
Da diese Wertabspaltung keine statische Struktur sondern ein Prozess sei, zeigt sie in der postmodernen Globalisierungsära ein neues Gesicht, die sich in einer Individualisierung und Modifikation im Geschlechterverhältnis ausdrückt. Scholz spricht dabei von einer Feminisierung der sozialen und ökologischen Verantwortung und einer Feminisierung der Armut, insbesondere da im Zuge der Deregulierung und des Sozialstaatsabbaus eine steigende Unsicherheit und Informalisierung der Arbeit oftmals Frauen, Migranten und andere sozial Schwächere trifft. Dennoch sind auch Männer zunehmend ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen ausgesetzt, im Sinne des Modells Hausfrau als kleine Selbstständige als paradoxes Beispiel globalisierter Flexibilisierung konstatiert Scholz dabei eine “Hausfrauisierung der Männer”.
In Bezug auf die Handlungskonzepte der Solidarischen Ökonomie angesichts der Wirtschaftskrise erwartet Scholz ein Ausbreiten entsprechender Solidarformen, sieht jedoch die Solidarische Ökonomie nicht als Allheilmittel in der Krise, insbesondere da sie aufgrund ihrer Mikrodimensionalität nolens volens mit der Weltwirtschaft verbunden sei. Daneben würden sozialdarwinistische Tendenzen, eine aus den hohen moralischen Anforderungen entstehende Doppelmoral und eine mögliche Subkulturisierung mögliche Gefahren darstellen. Ebenso bestünde die Gefahr einer verkürzten Kapitalismuskritik, weshalb laut Scholz abschließend in Fragen des Wirtschaftssystems vielmehr eine kritische Reflexion vieler Menschen anstatt nur von Einzelpersonen notwendig wäre.
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danke für die interessante zusammenfassung…
Begeisterung für diese tolle Berichterstattung. Wir freuen uns über Vorschläge für weitere Aktivitäten. Ideen sind zum Beispiel die Abhaltung einer ähnlichen Veranstaltung auf der untersten, lokalen Ebene und eine Kartografie solidarischer Ökonomie im Raum Sopron, Györ, Wien, Bratislava, St. Pölten, Brno.