50% der Erdbevölkerung leben heute in Städten, verbrauchen dort 75% der Energie und erzeugen 80% der CO2-Emissionen. In knapp 40 Jahren sollen sogar 70% der Erdbevölkerung in Städten leben. Nicht zuletzt aufgrund dieses rasanten Wachstums und der historischen Innovationskraft urbaner Gebiete wird in den Städten entschieden, ob uns der angesichts von Klimawandel, Peak Oil und Co. notwendige Übergang in eine Low-Carbon-Society gelingen wird.

Der Mobilität kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Oder wie Ute Woltron im Juni in der PRESSE treffend feststellt: “Der Verkehr ist das große Schlüsselthema in allen großen Städten, und zwar sowohl in ökologischer als auch in sozialer Hinsicht: Die Automassen verstinken den Globus, beschleunigen den Treibhauseffekt auf katastrophale Weise.” Die notwendige Lösung liegt, um es mit den Worten von Georg Günsberg auszudrücken, in nichts geringerem als einer “regelrechten Revolution in der Mobilität (…), um diese eben umweltschonend und zugleich sozial verträglich zu gestalten”.

Im Zentrum moderner urbaner Mobilität stehen dabei zuerst Lösungen, die bereits heute schon bekannt sind, deren Potenzial in unseren Städten aufgrund falscher (verkehrs-)politischer Prioritäten jedoch bei Weitem nicht ausgenützt ist: Neue Fußgängerzonen, mehr Radwege und attraktiverer öffentlicher Verkehr sind logische erste Schritte auf dem Weg zu einer sanften Mobilitätsrevolution. Einer Revolution im Sinne eines multimodalen Mobilitätsansatzes, bei dem ein Verkehrsteilnehmer aufgrund der individuellen Vorteile regelmäßig unterschiedliche Verkehrsmittel nutzt.

Gerade das Fahrrad hat dabei das Potenzial das Auto als primäres individuelles Fortbewegungsmittel in vielen Städten den Rang abzulaufen, wie ich selbst vor knapp zwei Jahren in Kopenhagen feststellen konnte. Worldchanging bringt das Potenzial des Fahrrads mit der Aussage “Around the world, bicycles are becoming a potent talisman of our urban post-carbon future” auf den Punkt, das SustainableCitiesCollective bringt sogar noch Poesie ins Spiel: “The most vital element for the future of our cities is that the bicycle is an instrument of experiential understanding. On a bicycle, citizens experience their city with deep intimacy, often for the first time. (…) The bicycle is new vision for the blind man. It is a thrilling tool of communication, an experiential device for the beauty and the ills of the urban context.”

Die aktuellen Fortschritte im Bereich der Elektromobilität sorgen hierbei für eine weitere Attraktivierung des Fahrrads, ebenso aber auch des Autos. Dass Elektroautos unsere Städte nachhaltig verändern und verbessern werden, ist dabei aufgrund des aktuellen Elektromobilitätsbooms abzusehen. Doch trotz des Potenzials der Elektromobilität ist diese kein Allheilmittel, erst recht nicht in der Stadt, wo Autos egal welchen Antriebs gleich viel Platz für sich beanspruchen, sei es in Form von Straßen oder Parkplätzen, die gerade Radfahrer und Fußgänger in ihrer Mobilität deutlich einschränken. Nicht umsonst titelte WIRED schon im Jahr 2009 “It’s time for cities to favor people, not cars“.

In diesem Sinne umfasst das Spektrum an Lösungswegen laut Guardian nicht nur technologische Lösungen wie die Elektromobilität, sondern insbesondere auch verhaltensbezogene Lösungen in unserer Fortbewegung, die oftmals schneller und kostengünstiger umzusetzen sind. Dies beinhaltet neben den genannten Verbesserung des öffentlichen Verkehrs bzw. neuen Radwegen beispielsweise einen urbanen Fokus in einer intelligenteren Raumplanung oder innovative Ansätze im städtischen Wohnbau (Stichwort: Bike-City).

Auch flächendeckende Car-Sharing und Bike-Sharing Modelle oder intelligenter gesteuerte Verkehrssysteme bzw. bessere Informationen über alternative Fortbewegungsmöglichkeiten, im Idealfall gleich mit den dazugehörigen Apps für Unterwegs sind Teil dieses Lösungsspektrums. Eines Lösungsspektrums, das auch Raum für kreative Ansätze lässt: Würde jeder von uns einen Tag pro Woche von zuhause aus arbeiten, so würde dies das berufsbedingte Verkehrsaufkommen um 20% senken.

Die urbane Mobilität der Zukunft braucht jedenfalls eine Veränderung unseres Lebensstils. Dass nicht diese Veränderung mehr Verzicht bedeutet, sondern vielmehr – im Falle eines kritischen Hinterfragens der gegenwärtigen Gestaltung urbaner Mobilität -  die Gegenwart hohe Verzichtsleistungen von uns abverlangt, formulierte unlängst Harald Welzer treffend: “Wir haben ja durch die Praxis, die wir haben, alltägliche Verzichtsleistungen, die ungeheuer groß sind. Sobald sich ein Kind selbstständig bewegen kann, verbietet man ihm, über die Straße zu rennen, weil es sonst platt gefahren wird. Das ist in gewisser Weise rational, ist aber eine hohe Verzichtsleistung. Sie beruht darauf, dass man meint, Mobilität müsse auf Autos basieren und wir müssten Städte haben, die nur aus Autos bestehen.”

Demgegenüber steht die urbane Mobilität der Zukunft, die statt Verzicht vielmehr einen Zugewinn bedeutet: Einen Zugewinn an Fortbewegungsoptionen, die dank Car-Sharing, Bike-Sharing, Öffis & Co. für jeden Anlass eine passende, umweltschonende und effiziente Fortbewegungsform bieten. Einen Zugewinn an Lebensraum in der ohnehin engen Stadt gerade für umweltbewusste und schwächere Verkehrsteilnehmer. Und vor allem einen Zugewinn an Lebensqualität durch weniger Emissionen, Lärm und Stress. Und nicht zuletzt auch einen volkswirtschaftlichen Zugewinn, da laut TU Wien Maßnahmen im Bereich des nichtmotorisierten und öffentlichen Verkehrs auch einen deutlich besseren Beschäftigungseffekt als im Straßenbau haben.

Die urbane Mobilität der Zukunft sollte idealerweise in ein Gesamtkonzept urbaner Nachhaltigkeit – von erneuerbarer Energiegewinnung über intelligente Stromnetze bis hin zu energieeffizienten Gebäuden – eingebettet sein. Das Ziel und die Wege zu dieser nachhaltigen urbanen Mobilität sind vorgezeichnet, dennoch lohnt es sich dieses Ziel abschließend in die schönen Worte von Sue Zielinski zu verpacken: “The goal is not transport, but accessibility – more productivity, more mobility, more beauty in one day.” Nun müssen wir dies nur noch umsetzen! Am besten anhand der folgenden sechs Handlungsempfehlungen des Think-tanks “Megacities on the Move”:

How to make a city flow

Megacities on the Move has identified six essential priorities for action. They should be relevant for everyone involved in rethinking cities, whether you’re a government official, urban planner, transport provider, corporate hot dog or the Mayor.

1. Integrate
How we get about, how we shift our supplies, and how we access the things we need can no longer be considered in isolation. A new, holistic approach is needed – as well as much more talking and decision making across sectors.

2. Prioritise the poor
Everyone has to be able to access services, food, social hubs, jobs and information – whatever their income. Good transport can go a long way to help people make money, but it has to be affordable.

3. Think people, not just cars
There are already one billion cars in the world, projected to grow to two billion within decades – but cities are already struggling with impossible levels of congestion. Designing our cities around people could help lure us out of our cars and onto our foot (or our pedals).

4. Get online
Mobile apps and web-based services have enormous potential to reduce the need for travel altogether – but they can also help coordinate the journeys we do make, with massive efficiency wins.

5. ‘Re-fuel’ our vehicles
We need significant investment in alternative fuels, electric vehicles and battery technology – as well as smart infrastructure to encourage super-efficient driving.

6. Change values and behaviour
Pushing low-carbon, healthier urban lifestyles into vogue could take a huge weight off our roads and transport systems – and off our thighs, too…”

P.S.: Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade “Urbane Mobilität” des ÖkoEnergie-Blogs. Er soll im Sinne der wichtigen Fragestellungen “Wie können Städte auf die wachsende Bevölkerungszahl und die damit zusammenhängenden Mobilitätsprobleme reagieren?” bzw. “Welche Vorschläge hast du für Mobilität in deiner Stadt?” umfassende Lösungsansätze für eine nachhaltige urbane Mobilität der Zukunft aufzeigen. Die weiteren lesenswerten Beiträge:

Discussion - 7 Comments
  1. Pingback: Einladung: Blogparade “Urbane Mobilität” | Blögger

  2. Pingback: Verkehr haben – aber richtig | Nox Vobiscum! » Roland B. Seper

  3. Pingback: naturklug #29 – 5 Gründe, nicht mit dem Rad zu fahren.

  4. Pingback: Mein Name ist Franz Joseph und ich habe das Über-die-Straße-gehen erfunden | Franz Joseph Moped

  5. Pingback: Wer braucht schon ein Elektrofahrrad? | aufbruch ins wesentliche

  6. Pingback: Leben mit dem Fahrrad | waldbauerhanspeter

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