
Die Integrationsdebatte ist zwar omnipräsent, verfestigt sich jedoch zunehmend in der medialen und politischen Darstellung auf Probleme, Negativentwicklungen und Sündenpolitik. Umso erfrischender sind daher konstruktive, kritische Beiträge, wie ich beispielsweise gestern Abend wieder erfahren konnte. Aus dem Vortrag von Mark Terkessidis (siehe auch aktuelle Beiträge bei FM4, DER STANDARD, derStandard.at und Falter) im Wiener Semperdepot konnte ich dabei vor allem zwei Punkte mitnehmen.
Zum einen dessen Analyse, dass die vorherrschende Idee von Integration kontraproduktiv für die Gestaltung der Gesellschaft ist, indem sie - ausgehend von der bereits seit 30 Jahren präsenten These des “kulturellen Gefälles” samt Fokus auf die vermeintlichen “Brandherde” Patriarchat, Ghettoisierung und Bildungsdefizite - Integration primär als individuelle Leistung der kulturellen Anpassung des Zuwanderers definiert. Zusammen mit steigenden Hürden für die Einbürgerung sowie einem alltäglichen (bewussten und unbewussten) Abstreiten der sozialen Zugehörigkeit von Migranten führt dies oftmals zu Trotzreaktionen der Zuwanderer bzw. einer Spaltung der Gesellschaft.
Zum anderen der Vorschlag von Terkessidis, diesem vorherrschenden Integrationsansatz das Diversity-Konzept der interkulturellen Öffnung - sowohl der Gesellschaft als auch der Institutionen - entgegenzusetzen. Zwei Grundvoraussetzungen dafür stellen die Akzeptanz der demographischen Gegebenheiten (hoher Anteil insbesondere von Jugendlichen mit Migrationshintergrund) sowie des Umstands, dass Integration nach kurzfristigen negativen Auswirkungen oftmals erst langfristig positive Effekte bringt, dar. Dabei gilt es zu erkennen, dass es bei Diversity nicht um unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, sondern um Individuen und deren gesellschaftliche Beiträge sowie deren demokratisches Recht auf Chancengleichheit geht.
Betrachtet man nun die politische und öffentliche Integrationsdebatte in Österreich, so wird meiner Meinung nach klar, dass dieser Übergang von der klassischen Integrations- zu einer gleichberechtigteren Diversitydebatte noch nicht erfolgt ist. Vielmehr festigen die Rechtspopulisten in der Bevölkerung ihre Ansicht von Integration als “Holschuld der Eingewanderten” (Haimbuchner/FPÖ) und spalten die Gesellschaft indem sie den Begriff der “Interessen der österreichischen Bevölkerung” (nochmals Haimbuchner/FPÖ) für sich vereinnahmen und eine Sündenbockpolitik mit Sanktionsgeheul betreiben. Was folgt ist ein politischer Teufelskreis: Die Rechtspopulisten erhalten in der öffentlichen Wahrnehmung ein Alleinstellungsmerkmal für die Kritik an den Problemen und Fehlern in der Integrationspolitik und sorgen dabei mit ihren Thesen und Aktionen für eine weitere Spaltung der Gesellschaft, womit sie sich selbst ein Fundament für zukünftigen weiteren politischen Erfolg in dieser Causa legen solange die liberalen Parteien dem kein modernes und glaubwürdiges Gegenkonzept entgegenstellen können.
Was sind also mögliche Lösungsansätze? Der größte langfristige Hebel besteht sicher im Bereich des Schulsystems, in dem rasche Reformen auf die geänderten Rahmenbedingungen durch den hohen Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund notwendig sind. Dies beinhaltet insbesondere zusätzliche Sprachförderung bzw. individuelle Förderung lernschwacher Schüler, das Ausschalten frühzeitiger sozialer Selektion und eine Stärkung des kulturellen Austauschs sowie der Demokratiekompetenz. Dabei gilt es, sich endlich zu vergegenwärtigen, dass davon nicht bestimmte ausländische Gesellschaftsschichten sondern alle individuellen Teile der Gesellschaft profitieren (können) während das aktuelle System der Selektion, des Fallenlassens und der Spaltung vorhandene Probleme und Ungerechtigkeiten nur verstärkt.
Des weiteren ist aufgrund der mangelhaften Konzepte und Diskurse der obersten politischen Entscheidungsträger ein Bottom-up Ansatz notwendig, in dem in einem ersten Schritt insbesondere auf kommunaler Ebene die Vorteile gesellschaftlicher Vielfalt dargestellt, individuelle Potenziale in Gemeinschaften eingebracht und mögliche Problembereiche diskutiert werden. Solche interkulturellen Projekte sollten daher im Gegensatz zu bisherigen Communityprojekten verstärkt nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund sondern möglichst viele Individuen der Gesellschaft miteinbeziehen. Nur durch ein offenes, gleichberechtigtes Aufeinander-zugehen werden wir sprachliche Barrieren, gesellschaftliche Berührungsängste, soziale Diskriminierung und kulturelle Vorurteile abbauen und dadurch Verständnis für die unterschiedlichen Lebensumstände und gemeinsamen Hoffnungen der Menschen gewinnen können! Verstehen wir Integration also nicht als beidseitigen Prozess zwischen zwei Bevölkerungsschichten, sondern als vielseitigen Prozess zwischen vielen Individuen mit unterschiedlichen wie auch gemeinsamen Eigenschaften, Qualifikationen und Vorstellungen. Und richten wir dabei den Fokus weg von vordefinierten, kollektiven Täter- und Opferrollen hin zu individuellen und gemeinschaftlichen Gestalterrollen!
Im Allgemeinen sollte man daher darüber hinaus in der medialen und öffentlichen Diskussion dazu übergehen, dass Werte- und Demokratiedebatten nicht auf einzelne migrantische Bevölkerungsgruppen abzielen sondern in einem größeren Kontext betrachtet werden. Erkennen wir, dass es in Österreich ein Demokratiedefizit und einen Mangel an politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation quer durch alle sozialen und ethnischen Bevölkerungsschichten gibt und stellen wir diesem ein gemeinsames politisches Empowerment aller Bürger entgegen. Stellen wir klar, dass uns demokratische Prinzipien wie Meinungsfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit ein echtes, gemeinschaftliches Anliegen und kein reines Instrument für eine Zeigefingerpolitik in Richtung Migranten darstellen. Und realisieren wir, dass eine moderne, zukunftsfähige Gesellschaft nur eine respektvolle, pluralistische und auf kollektiven Vorstellungen und Fähigkeiten basierende sein kann.
Oder wie es Mark Terkessidis gestern ausdrückte: “Es gibt keine gemeinsame Vergangenheit sondern eine gemeinsame Zukunft. Man muss an dieser gemeinsamen Zukunft arbeiten!” Stellen wir also dieses positive Gemeinsame, stellen wir diese invidiuellen Bereicherungen unserer Gemeinschaft endlich in den Vordergrund anstatt uns hinter einer oberflächlichen “Rechte und Pflichten” bzw. “Fördern und Fordern”-Debatte zu verstecken!
Foto Credits: CC by Untitled blue
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