Sehr geehrter ÖFB-Präsident Dr. Windtner,
Sehr geehrter Bundesliga-Präsident Ing. Rinner,
Sehr geehrte Landesverbands-Präsidenten Dr. Hübel, Dr. Lumper und Dr. Geisler,
Ich wende mich in diesem offenen Brief mit einem wichtigen und aktuellen Thema an Sie, das bereits seit längerer Zeit (leider medial wenig beachtet) im Raum steht und für den österreichischen Fußball von den Regionalligen bis zur Bundesliga wohl tiefgreifende und möglicherweise wettbewerbsverzerrende Auswirkungen haben würde.
Es geht um die geplante Umgehung der Nichtaufstiegsregelung in die Erste Liga für Amateurteams durch Red Bull Salzburg mithilfe des USK Anif. Angesichts aktueller Medienberichte in den Salzurger Nachrichten, die darauf schließen lassen, dass dieses länger gehegte Vorhaben mit Beginn der Saison 2012/13 tatsächlich umgesetzt wird, verlange ich hiermit eine Stellungnahme von Ihrer Seite, damit hier nicht womöglich eine Entwicklung, die nicht im Sinne der Bundesliga-Regularien und des österreichischen Fußballs ist, übersehen wird.
Kurz zur Vorgeschichte: Die Erste Liga ist seit der Verbannung der Amateurteams der Bundesligisten auf einem sehr guten Weg – junge Talente schaffen den Sprung in die Bundesliga oder sogar ins Ausland, regelmäßige Derbys sorgen für Zuschauerrekorde, der Titel- und Abstiegskampf ist spannend bis zum Saisonende, Traditionsvereine wie die Vienna bzw. der GAK halten sich in der Liga bzw. sind am besten Weg dorthin und die Zuschauerzahlen stiegen zuletzt insgesamt um 28% an! Auch die wirtschaftliche Basis der Vereine der Ersten Liga hat sich erheblich verbessert, wie die jüngste Lizenzvergabe zeigte.
Doch den Bundesligisten ist die Nichtaufstiegsregelung für ihre Amateurteams weiterhin ein Dorn im Auge. Seit zwei Jahren gibt es daher bereits eine mehr oder weniger formelle Kooperation von Red Bull Salzburg mit dem Regionalligisten USK Anif, um mit diesem den Aufstieg in die Erste Liga zu schaffen und somit über Umwege die Red Bull Juniors wieder in den Profifußball zu bringen. Vor einem halben Jahr wurde eine solche Kooperation auch mit dem weiteren Regionalligisten FC Pasching eingegangen. Diese Ausgangslage habe ich ausführlicher bereits vor einem Jahr auf Ballverliebt.eu zusammengefasst: “Carpie Diem Niederalm auf dem Weg in die Bundesliga“.
Laut Bericht der Salzburger Nachrichten vom 22. Mai 2012 (“Red Bull entschied sich für Farmteam statt Anif“) will Red Bull Salzburg nun folgendermaßen ein zweites Team in den Profifußball hieven und damit bewusst die sinnvolle Nichtaufstiegsregelung für Amateurteams umgehen: “Vom Kooperationsklub USK Anif geht die „juristische Hülle“ inklusive dem Aufstiegsrecht in die Erste Liga an Red Bull über. Ein „Farmteam“ wird 2012/13 in der Westliga um den Aufstieg kämpfen. „Anif neu“ bleibt mit Trainer Michael Baur in der Westliga, bildet aber eine Spielgemeinschaft mit den Red Bull Juniors und kann folglich nicht aufsteigen. Sinn der Konstruktion ist es laut Red Bull, mit dem neuen „Farmteam“ so weit oben wie möglich zu spielen. Zudem fällt die Beschränkung auf drei Ausländer weg, womit auch Talente aus den Akademien in Ghana und Brasilien eingesetzt werden könnten.”
Daraus ergeben sich unmittelbar folgende Fragestellungen:
- Entspricht die Übernahme der “juristischen Hülle” nicht de facto einem Lizenzkauf, wie er eigentlich unterbunden werden wollte?
- Wie kann in der Regionalliga West in der kommenden Saison bei den Begegnungen zwischen dem Red Bull Farmteam und der Spielgemeinschaft Red Bull Juniors / USK Anif, insbesondere im Meisterschaftsfinale, garantiert werden, dass es zu keiner Wettbewerbsverzerrung kommt?
- Wie kann verhindert werden, dass es im ÖFB-Cup in der kommenden Saison nach der sinnvollen Verbannung der Amateurteams der Bundesligisten abermals zu einem sportlich wertlosen Duell zwischen Red Bull Salzburg und dem Red Bull Farmteam kommt, da Letzteres aufgrund der Platzierung des USK Anif in dieser Saison einen ÖFB-Cup-Startplatz haben wird?
- Ist es im Sinne des österreichischen Fußballs wenn vier Mannschaften der obersten drei Spielklassen (Red Bull Salzburg, Red Bull Juniors, USK Anif und FC Pasching) de facto den gleichen Eigentümer haben? Sollten nicht im Zuge des Lizenzverfahren auch solche Kooperationsverträge und die zugrundeliegenden Eigentümer- und Machtstrukturen veröffentlicht werden, um für sportliche Klarheit zu sorgen?
Weitergedacht stellen sich folgende Fragen:
- Wie kann verhindert werden, dass ein Hin- und Herschieben von Spielern zwischen diesen Mannschaften in den Transferzeiten den sportlichen Wert der Meisterschaften verringert und die Planungsunsicherheit für gegnerische Vereine erhöht, beispielsweise wenn die Farmteams/Kooperationsvereine in den Regionalligen plötzlich Profispieler im Kader haben?
- Ist es im Sinne des österreichischen Fußballs wenn ein Verein mit vier oder mehr Mannschaften ebendiesen sämtliche seiner Nachwuchsspieler zuteilen kann? Fördert dies nicht das unsportliche “Wildern” in den Akademien anderer Vereine und den oben angedeuteten vermehrten Einsatz nicht-österreichischer Nachwuchsspieler? Wird es anderen Vereinen (insbesondere der Ersten Liga und Regionalligen) dadurch nicht verunmöglicht, auch von der (mit öffentlichen Steuergeldern unterstützten) Nachwuchsarbeit der Akademien zu profitieren (Breitenwirkung der Akademien!)?
- Da das Farmteam “so weit oben wie möglich spielen” soll, stellt sich die Frage, wie im Falle eines weiteren Aufstiegs in die Bundesliga bei den Begegnungen zwischen Red Bull Salzburg und dem Red Bull Farmteam, insbesondere im Meisterschaftsfinale, garantiert werden kann, dass es zu keiner Wettbewerbsverzerrung kommt?
- Welchen sportlichen Wert hätte eine Bundesliga, in der (im Extremfall) Red Bull Salzburg vor dem eigenen Farmteam Meister wird? Oder ein Cupfinale, in dem sich diese beiden Mannschaften gegenüberstehen? Oder eine Bundesliga, in der der 7. Platz hinter drei Red Bull Teams noch zur Europacupqualifikation reicht?
- Denn da Red Bull auch mit dem FC Pasching in der Regionalliga Mitte eine Kooperation hat, stellt sich die Frage ob in weiterer Folge auch dieser Verein (oder andere zukünftige Kooperationsvereine) mithilfe dieses juristischen Modells als weiteres Red Bull Farmteam den Weg in die Erste Liga oder Bundesliga findet und so das Problem der Wettbewerbsverzerrung weiter erhöht?
- Da (trotz geringerer finanzieller Mittel) theoretisch auch andere Vereine außer Red Bull Salzburg diesen Weg gehen könnten, stellt sich die Frage, ob dies mittel- bis langfristig zu einem Szenario führen könnte, in dem ein wesentlicher Teil der Vereine in den beiden höchsten österreichischen Profiligen Farmteams von Red Bull Salzburg und seinen Nachahmern sind?
- Welche Auswirkungen hätten solche Farmteams ohne Identität und Zuschauer – egal ob in der Ersten Liga oder Bundesliga – auf die Attraktivität dieser Ligen bzw. die wirtschaftliche Basis anderer Vereine angesichts des geringeren medialen Interesses und der zu erwartenden geringeren Zuschauereinnahmen?
Ich denke, dass ich mit diesen Fragen und den weiterführenden Gedanken das grundsätzliche Problem aufzeigen konnte. Einige dieser Fragen sind schon in zwei Monaten zu Beginn der neuen Saison akut, einige dieser Fragen behandeln auch Extremfälle, die so wohl erst in einigen Jahren eintreten könnten – doch auch für solche Extremfälle sollten die Regularien Lösungen parat haben. Ich würde mich über eine Stellungnahme zu dieser Causa bzw. sehr gerne zu den einzelnen aufgeworfenen Fragen sehr freuen!
Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort, die ich ebenso wie diesen offenen Brief gerne auf meinem Blog AndreasLindinger.AT veröffentlichen würde!
Mit freundlichen Grüßen,
Andreas Lindinger
P.S.: Zur Klarstellung: Als Anhänger und Mitglied eines Regionalligavereins mit Aufstiegsambitionen, für den solche Entwicklungen und die damit verbundene Unsicherheit zwei Monate vor Saisonbeginn die Saisonplanung und -erwartungen auf den Kopf stellen können, habe ich auch ein persönliches Interesse an dieser Causa. Als Fan der Austria Salzburg geht es mir hier dezidiert nicht um einen (Rache-)Feldzug gegen Red Bull, sondern um die sportliche Situation in unserer Liga, den österreichischen Fußball im Allgemeinen und faire Aufstiegschancen auch für andere Vereine mit Aufstiegsambitionen, egal ob sie nun SC Bregenz in der Regionalliga West, Austria Klagenfurt in der Regionalliga Mitte oder anders heißen.
***
Update 23. Mai: 90Minuten.at hat meinen Offenen Brief in seiner Blogschau veröffentlicht, darüber hinaus gibt es auf Facebook unter den Usern von 90Minuten.at eine ausführliche Diskussion zum Thema.
Update 23. Mai: Der ÖFB hat auf meinen Offenen Brief reagiert und mich direkt kontaktiert. In einem Telefonat mit der Rechtsdirektion des ÖFB wurde dargelegt, dass den ÖFB unmittelbar nur der Punkt ÖFB-Cup betrifft, in welchem mit der Cupreform klar festgelegt wurde, dass Amateurteams von Bundesligavereinen nicht teilnehmen dürfen. Da die Cupteilnehmer von den jeweiligen Landesverbänden genannt werden, obliegt die Prüfung, ob ein etwaiges Red Bull Farmteam zur Cupteilnahme berechtigt ist, dem Salzburger Landesverband. Dieser muss ggf. eine Erklärung dazu an den ÖFB abgeben.
Update 5. Juni: Auf Nachfrage an Bundesligavorstand für Finanz & Lizenzierung, Mag. Reinhard Herovits, habe ich ein offizielles Statement der Bundesliga Medienstelle per E-Mail erhalten. Ebenso wie der ÖFB fühlt man sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zum Handeln gezwungen. Nach telefonischer Rückfrage würde sich die Bundesliga wohl erst mit dem Thema befassen müssen wenn die sportliche Situation dies notwendig macht. Nun warte ich noch auf ein Statement des Salzburger Landesverbands, der im Gegensatz zu ÖFB und Bundesliga in seiner Verantwortung für die Regionalliga West unmittelbar betroffen sein sollte. Das kurze Statement der Bundesliga im Wortlaut:
“Bezug nehmend auf Ihre u.a. Anfragen ist BL-seitig Folgendes festzuhalten:
- der Verein bzw. die eigenständige Rechtsperson USK Leube Anif hat – wie bekannt – auf Basis der geltenden Lizenzbestimmungen die Lizenz für 2012/13 erhalten, mangels sportlicher Qualifikation ist der Verein jedoch kein BL-Mitglied (weshalb über die Lizenzbestimmungen hinausgehende Recherchen BL-seitig weder möglich noch zweckmäßig sind)
- die Amateurmannschaft von FC Red Bull Salzburg ist keine eigenständige Rechtsperson und kann daher auch keine Lizenz erhalten (vgl. Lizenzbestimmungen, Abschnitt 4.).”
Update 28. Juni: Der USK Anif wird laut seiner Website zum FC Anif, in Wirklichkeit – wie die Details darunter zeigen – wird der USK Anif zum FC Liefering, womit auch der Name des neuen Red Bull Farmteams fixiert ist, und der neue FC Anif übernimmt die Mitglieder des USK Anif. Somit sind die ursprünglichen Pläne Wirklichkeit geworden: Der USK Anif übergibt seine rechtliche Hülle an Red Bull, das in Zukunft als FC Liefering in die Erste Liga bzw. Bundesliga aufsteigen kann. Der FC Anif wird eine Spielgemeinschaft mit den Red Bull Juniors eingehen, damit Anif weiter in der Regionalliga vertreten ist. Aufgrund dieser Spielgemeinschaft mit einer Bundesligamannschaft darf der neue FC Anif jedoch nicht weiter aufsteigen und nur vier Spieler über 23 Jahre am Spielbericht haben.
Update 29. Juni: Auch Red Bull Salzburg bestätigt auf seiner Website: “Aus dem USK Anif wird der FC Liefering. Der FC Liefering wird in der kommenden Saison in der Regionalliga West sämtliche Heimspiele in der Red Bull Nachwuchsakademie Liefering austragen.” Dass diese Meldung darüber hinaus unter “Red Bull Juniors” erscheint und bei den aktuellen Testspielen das Red Bull Salzburg Logo bzw. der Name “Red Bull Juniors” aufscheint, unterstreicht, dass hinter dem FC Liefering Red Bull steht, das damit die Nichtaufstiegsregelung für Amateurteams umgehen will. Nur 38 Tage nach der ersten Meldung der Salzburger Nachrichten bzw. meinem Offenen Brief ist der De-facto-Lizenztausch damit perfekt.

Discussion - 4 Comments
peter
Mai 23, 2012 at 12:36
alte fußballerweisheit:
kümmert euch nicht um den gegener sonder schaut auf euch.
schaut das ihr die besseren seit, trainiert 2x mehr die woche.
dann werdet ihr die nase vorne haben, völlig egal wer da aller mitspielt!
Matthias
Mai 23, 2012 at 12:36
das ist alles traurig .. hier in leipzig bekommen wir die selben dimensionen … denen wird alles in den rachen geschmissen ..selbst naturschtzgebiete in der stadt müssen denen weichen … unglaublich .. aber rb salzburg soll ja nur noch der entwicklung von eRBrechen Leipzig dienen … die lokalen vereine machen die komplett platt … nur verbrannte erde … die kaufen ein spielrecht nach dem anderen … da wird nicht mal einhalt geboten, wenn sie wie z.B. bei dynamo dresden den kindern 1000 € taschengeld und iregendwelche lehrstellen verprechen .. offener brief hin und her .. geld regiert die welt .. und die herren bei euch im fußballverband werden genauso die augen verschließen wie sie es hierzulande tun…
Pelikan Fritz
Mai 23, 2012 at 12:36
Leider Geld regiert.
Aber noch was anderes , wir (mein Sohn und ich) sind beim Spiel in Anif gewesen , haben je 10 € für die Match-Karten bezahlt (trotz Behindertenausweis)
Keine Ermäßigung , Begründung Anif muss die Polizei bezahlen .(Schuld ist SV Salzburg)
Wenn mir Grödig anschauen bezahlen wir 6 €.(2. Bundesliga)
Red-Bull 11 € (1. Bundesliga .
SV-Salzburg haben wir freien Eintritt
Na ja Anif ist ja in der 3.Liga die haben (kein)Geld.
Danke dem Kassier (Anif) wir kommen NICHT mehr.
Freundlichkeit kann man lernen .
Pingback: Knalleffekt – Österreich doch noch bei der EM! » Fußball und andere Tricks! » EM 2012